Kurze Filme

Letzten Samstag premierte die 1. Lange Nacht der Filmfestivals: 15 Festivals präsentierten vorrangig Kurzfilme, einige Dokumentationen und wenige Spielfilme im alternativ-schäbigen Ambiente des Zukunft Ostkreuz. Ich warf einen kurzen Blick hinein.

Zukunft Ostkreuz

RAW – Wir sind gekommen um zu bleiben: Die Dokumentation aus dem Jahr 2009 erzählt wie das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk in der Revaler Straße, Friedrichshainer Kiezgängern besser bekannt als RAW-Gelände, nach der Wende verfiel bis Künstler, Musiker, Schauspieler, Tänzer und andere Kreative einzogen, vieles sanierten und allmählich weitere Anbieter anlockten. 2007 wurde das Areal verkauft, seitdem schwelt der Streit über die Nutzungsrechte zwischen den alten Mietern und den Käufern. Der Film stellt sehr deutlich und eindringlich die Frage wie Stadtentwicklung aussehen soll, die den Bedürfnissen der Bewohner Rechnung trägt. Wird auch in Zukunft Stadtentwicklung von unten möglich sein, wenn zuvor selbstverwaltete Gebiete plötzlich für Investoren interessant und angestammte Initiativen verdrängt werden?

Der Film beeindruckte mich sehr, vermutlich, weil ich die Vielfalt der Ost-Berliner Bezirke bisher irrtümlich als gegeben hinnahm. Vielleicht möchten Sie sich den Trailer zu Gemüte führen oder auch diesen recht aktuellen Artikel zur derzeitigen Lage in meinem Nachbar- und Lieblingskiez.

Ein Tag im Wrangelkiez: Die zweite vom Festival kiezkieken vorgestellte Dokumentation lässt die Bewohner des Gebietes rund um die Kreuzberger Wrangelstraße zu Wort kommen: den türkischstämmigen Lottoladenbesitzer, zwei aufgeschlossene ältere Eheleute, er offenbar mit Sprayer-Hintergrund, den jungen Mann mit Gitarre, den Hartz-IV-Empfänger, der sich nur in den lokalen Kneipen wohlfühlt, die resolute Bardame, den Geldwechsler. Ein sehr persönlicher Einblick, von dem eine Kurzversion verfügbar ist.

Recht auf Stadt

Als Nächstes auf dem Programm: Animationen des Festivals contravision.

Fantasmagorie: Ein Trickfilm von 1908, einer der ersten überhaupt.

The 21st Century: Mann mit Schlapphut monologisiert in Frageform über die Entwicklung moderner Kommunikationstechnologien und die Evolution der Menschheit. Schöne 50er-Jahre-Optik, die Fragerei ist wenig tiefgründig.

The Hour Glass: Der Tod lebt allein im Niemandsland bis ihm eines Tages ein Baby vor die Tür gelegt wird. Eine wunderbare Geschichte, liebevoll gezeichnet und animiert. Leider gibt es nur eine Vorschau im Netz.

N Gschichtn: Bunte, oft nervige Aneinanderreihung von Einfällen, wie nach übermäßigem Alkoholgenuss. Schön: das T-Shirt und die kaputte Kausalität.

Wall-Mation POV: Graffiti tanzt über Wände und Container, Pappspinnen huschen über den Boden, Seile und Holzabfall bilden Formen – ein animiertes Jugendprojekt. Sehenswert.

Herr Alptraum und die Segnungen des Fortschritts: Herr Alptraum revolutioniert das Alpträumen, um der täglichen Routine zu entgehen und Zeit mit seiner große Liebe Insomnia verbringen zu können. Sehr hübsch, vor allem die erzählte Geschichte in Versform. Trailer gefällig?

Burnout – na Spitze: Bleistiftanspitzer versucht dem Bleistiftanspitzen zu entgehen. Belanglose Fingerübung.

The easy guide to becoming a famous artist: Ganz nett, aber vermutlich nur für Kunststudenten amüsant.

Und dann war da noch der Streifen über den alten Bahnhof Ostkreuz, der sich seit einigen Jahren von einem ziemlich kaputten, grauen, unpraktischen Verkehrsknotenpunkt mit undichten Dächern und Charakter zu einem unpersönlichen, kalten und noch hässlicheren Betonklotz verwandelt. Schöne Bilder, etwas nervige Musik. Irgendwie hatte ich mehr Details erwartet.

Sollte ich Sie mit dem Filmfestivalfieber infiziert haben, behalten Sie am besten die Webseite der Festiwelt im Auge. Und die der Berliner Filmfestivals gleich dazu.