Vegane Schnupperwochen: Tag 2

Der zweite Schnupperwochen-Tag entpuppte sich als schwer bildende Veranstaltung: Vorträge über Vorträge, Informationen, Daten, Fakten, Input, Input, Input. Aber schön der Reihe nach. (Tag 1 können Sie hier nachlesen.)

Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein. Ich begebe mich, begleitet von veganem Mett, Wachsbohnensalat und Apfelkuchen, erneut nach Prenzlberg, diesmal in den Sonntags-Club. Der Vortrag zur Ökologie hat bereits begonnen, ein mir unbekannter, sehr beredter Mann referiert über die Zusammenhänge zwischen Tiernutzungsindustrie, Umwelt, Welthunger und Gesundheit. Das meiste geht an mir vorbei, ich habe zu schnacken. Als allerdings die Worte „Kartoffel“ und „umweltschädlich“ in mein Bewusstsein dringen, werde ich hellhörig: Wer hätte gedacht, dass Kartoffeln aufgrund ihrer industriellen Verarbeitung zu beispielsweise Kartoffelchips und Pommes an zehnter Stelle der Lebensmittel mit dem höchsten CO2-Fußabdruck rangieren? Käse bringt es sogar auf den dritten Platz.

Sonntags-Club

Einer meiner Mitstreiter spricht nun über Rinder. Er präsentiert zunächst allerlei Abartigkeiten der Tiernutzungsindustrie wie beispielsweise den Kuhtrainer, eine stromführende Schiene über dem Nacken von Rindern, die beim Wölben des Rückens zur Abkotung einen Schlag versetzt, der das Rind dazu veranlasst, einen Schritt zurück Richtung Kotrinne zu treten und das Geschäft dort zu verrichten. Noch widerwärtiger war die von 1996 bis 2000 gezahlte Herodes-Prämie, eine EU-Sondervergütung zur Vernichtung sehr junger Kälber um die Fleischpreise wieder nach oben zu treiben. Ich lerne, dass nur vierzig Prozent der deutschen Kühe auf die Weide dürfen, es fehlt an Platz. Außerdem würden die auf Hochleistung gezüchteten Tiere quasi wegen Energiemangels ins Koma fallen, müssten sie Gras statt des kalorienreichen Kraftfutters aus Mais, Soja und Getreide kauen. Auf derart unnatürliche Nahrung ist ihr Verdauungstrakt allerdings nicht ausgelegt, Drehungen des Labmagens sind die regelmäßige Folge. Von solcherlei Fakten unbeirrt installierte das Bundesministerium für Risikoabschätzung 2009 ein didaktisches Maislabyrinth, um die Vorteile von Mais zur Ernährung von Kühen einer breiten Öffentlichkeit zu demonstrieren. Im Jahr darauf toppten sie diesen Schwachsinn mit dem „Currywurstfeld“.

Im nächsten Vortrag hören wir, dass sich die hierzulande als normal angesehene Fähigkeit zum Verdauen von Milch erst mit dem Beginn der Landwirtschaft und Viehzucht entwickelte. Damals war das wohl ein Evolutionsvorteil und sehr nützlich gegen das Verhungern bei Ernteausfällen, insgesamt verträgt jedoch nur ein Fünftel der erwachsenen menschlichen Erdbevölkerung Milch. Anders formuliert: Laktoseintoleranz ist nicht die Ausnahme sondern die Regel. Milch steht in Verdacht, allerlei Krankheiten wie Typ-1-Diabtes, Krebs, Akne und Osteoporose zu befördern. Sie hemmt außerdem die Eisenresorption und erweist sich als prima Krankheitsträger, da ihr Fettgehalt hoch und ihre Verweildauer als Flüssigkeit im sauren Magensaft zu kurz ist, um Erreger abzutöten. Vielleicht trinkt deshalb kein anderes Säugetier nach der Stillzeit Milch, schon gar nicht die einer anderen Spezies.

Puh, endlich das Hirn baumeln lassen, Pause. Die Teilnehmer stürmen das Büffet, wir haben uns bei der Herstellung veganer Leckereien selbst übertroffen: Kartoffel- und Nudelsalat, Spinattaschen, Brownies, Schoko-Nuss-Cookies, der Moschinskische Eiersalat, gefälschtes Zwiebelmett, glasierte Schokoladentorte, Wachsbohnensalat, weißes Schokomousse, Nussecken, Bohnen-Paprika-Mais- und türkischer Bulgur-Salat, Apfelkuchen und die obligatorischen belegten Schnittchen. Danach will ich platzen.

Die Ausführungen unserer medizinischen Referentin beginnen mit der unerwarteten Bemerkung, aluminiumhaltige Deodorants förderten Brustkrebs, besonders gefährdet wären Menschen mit rasierten Achseln. Grmpf, ich brauche ein neues Deo. Sie erläutert typische Risikofaktoren für Herz- und Kreislauferkrankungen, treffen vier dieser Faktoren zusammen, sprechen Ärzte vom Metabolischen Syndrom oder tödlichen Quartett. Bauchfett, Bluthochdruck, Insulinresistenz und erhöhte Cholesterinwerte sind das häufige Ergebnis von Überernährung und Bewegungsmangel. Sie glaubt, die vegetarische oder vegane Lebensweise könne diese Risiken minimieren und gibt Tipps, wie mensch es richtig macht: Zum Salat einen Schuss Zitrone oder ein Glas Orangensaft damit das Eisen besser flutscht während Hefe, Hülsenfrüchte und grünes Blattgemüse den Folsäure-Pegel pushen. Vitamin D sollte mensch in Form von Vigantolöl konsumieren, der Bedarf lässt sich nämlich weder über die Nahrung noch über ausgiebiges Sonnenbaden decken.

Beim Gesundheitsvortrag

Vorm nächsten Vortrag hätte ich mir eine Triggerwarnung gewünscht, mindestens aber vor dem kurzen Film, der die Vorgehensweise beim Sexen und Schnabelkürzen von Hühnern in ihrer ganzen Grausamkeit dokumentiert. Mir entgeht der Rest der bis dahin überaus interessanten, aber ebenso erschreckenden Schilderungen, weil ich die Szenerie fluchtartig verlasse. Zumindest überkommt mich hier nicht das Gefühl der Peinlichkeit, etliche sind in Tränen ausgebrochen. Wer jetzt noch glaubt, alternative Haltungsformen wären die Lösung, der hat nicht richtig zugehört. Die Gruppen sind deutlich zu groß, Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus sind die Folge, mit dem Schnabelkürzen versuchen Züchter das Problem in den Griff zu bekommen. Ein barbarisches Mittel, schließlich ist der Schnabel eines Huhns von zahlreichen Nerven durchzogen und überaus schmerzempfindlich. Zudem werden die Schnäbel durch die Maschinen häufig zu weit gekürzt, da fehlt anschließend schon mal ein Teil des Gesichts. Die Deutsche Geflügelwirtschaft argumentiert das natürlich etwas anders.

Als nervenschonend erweist sich auch das nächste Thema nicht, es geht um Fische – Wesen, denen wir aufgrund ihrer Andersartigkeit etliche Fähigkeiten absprechen. Völlig zu Unrecht, denn Fische besitzen ein sehr gutes Langzeitgedächtnis, sind enorm lernfähig, benutzen Werkzeuge, erkennen Artgenossen, kooperieren. Und: Sie haben ein Schmerzsystem ähnlich dem von Vögeln und Säugetieren. Die sympathische junge Frau auf dem Podium erklärt uns, wie Fische gefangen und in Schleppnetzen erdrückt werden, Fischarten mit Schwimmblasen platzen durch den Druckunterschied. Grundschleppnetze zerstören außerdem den Meeresboden und alle dort lebenden Organismen. In Kiemennetzen verheddern sich die Fische mit ihren Kiemendeckeln und vegetieren dort wie auch an Langleinen oft mehrere Tage. Es ist üblich, Haien die Flossen abzuschneiden und sie dann zurück ins Meer zu werfen, Fische werden vor der Schlachtung nicht betäubt, sie ersticken an der Luft oder werden lebendig ausgenommen. Selbst der jämmerliche Schutz, der Säugetieren und Vögeln zuteil wird, bleibt Fischen verwehrt. Neunzig Millionen Tonnen Fisch werden jährlich gefangen, das sind zwischen einer und 2,7 Billionen (!!) Lebewesen, dreißig Millionen Tonnen enden als Beifang und werden entsorgt. Jedes Jahr. Siebenundachtzig Prozent der weltweiten Fischbestände sind inzwischen leer, der Rest steht vor dem Kollaps. Auch Aquakulturen stellen keine Alternative dar, sind sie doch nichts anderes als gewöhnliche Massentierhaltungen mit ähnlich katastrophalen ökologischen Auswirkungen und auch moralisch kein Stück besser. Der Verzehr von Fischen ist außerdem gesundheitlich schwer bedenklich, die Tiere sind mit Quecksilber, PCB und Antibiotika belastet. Omega-3-Fettsäuren beziehen Sie besser aus Leinöl und Leinsamen, Walnüssen sowie Walnuss- und Rapsöl.

Reicht für einen Tag, ich bin platt.