Vegane Schnupperwochen: Tag 1

Nun also doch. Nachdem ich letztes Jahr aus schierer Alternativlosigkeit meine eigenen Veganen Schnupperwochen veranstaltete, gucke ich mir derzeit die offizielle Version an. Allerdings aus ungeahnter Perspektive: ein bisschen vor und ganz viel hinter der Kamera.

Sams­tag­mit­tag in einer veganen Prenzlberger Hochburg. Ich schlürfe die letzten Reste meines Kaffees und schlappe in meiner Funktion als Fotoverantwortliche mit Kamera, Protzerobjektiv und Aufsteckblitz durch die Gegend, um Belichtungstestbilder zu schießen. Wir starten spät, die sieben noch fehlenden Teilnehmer tauchen nicht auf. Nach einer ausführlichen Vorstellungsrunde beleuchtet der Einführungsvortrag das Thema Veganismus kurz aus allen Richtungen: Ethik, Gesundheit, Ökologie. Danach präsentieren wir verschiedene Alltagsstrategien: Wie sag ich’s meiner Familie, lassen sich leidige Diskussionen bei einem Geschäftsessen vermeiden und muss ich unvegane Habseligkeiten aussortieren? Der Gesprächsbedarf ist riesig, wirklich fertig werden wir nicht.

Ich lerne, dass es bei dm vegane Zahnpasta gibt und die Drogeriekette in dieser Hinsicht überhaupt sehr auskunftsfreudig ist. Einer meiner Mitstreiter weist auf die fehlende Deklarationspflicht tierlicher Bestandteile hin, ein Umstand, der es Herstellern erlaubt, aus Zellgewebe, Haaren, Hörnern etc. gewonnene Zutaten, Zusätze oder Aromen mittels euphemistischer Formulierungen zu umschreiben oder ihren Ursprung gar nicht erst zu erwähnen. So wird Stearinsäure überwiegend aus Schweinemägen gewonnen und Amniotic Fluid aus Plazentawasser, Säfte und Weine werden mit Gelatine oder Hausenblase geschönt und Obst mit Kasein gewachst. Schlimmstenfalls werden geschützte Siegel wie die Veganblume nachgeahmt oder der Begriff „vegan“ wider besseren Wissens auf die Verpackung gedruckt. Damit das nicht so bleibt, setzt sich die Organisation Foodwatch für eine gesetzliche Vorschrift zur Kennzeichnung tierlicher Zutaten und Zusatzstoffe ein. Auch vom derzeit gehypten Tierversuchsverbot für Kosmetika sollten Sie sich nicht in die Irre leiten lassen: 90 Prozent der Inhaltsstoffe Ihrer täglich genutzten Badutensilien sind chemischer Herkunft und müssen laut einer vollkommen wahnsinnigen EU-Richtlinie weiterhin auf Giftigkeit getestet werden. An Tieren. Details erläutert der VEBU.

Pause. Das Veganz hat ein Buffet gebastelt, mich erwartet völlig überraschend eine glutenfreie Gemüsepizza, zwar in den Ofen geschobene Fertigware, aber lecker. Quiche und Wraps kann der Koch offenbar auch, die Teilnehmer bitten um die Rezepte.

Es folgt der mit Spannung erwartete Vortrag zur Tierethik, der mir hoffentlich den theoretischen Unterbau zu meinen moralischen Ansichten bieten wird. Seit Wochen treibt mich die Frage um, welche rational begründbaren Rechte nicht-menschliche Tiere besitzen und welche Verpflichtungen sich für den Menschen daraus ergeben oder anders formuliert: Wie erkläre ich Kollegen und Bekannten, die meine Verhaltensregeln nicht befürworten, dass es rein logisch Sinn macht, dies doch zu tun? Unglücklicherweise erweist sich der Vortrag als arg unstrukturiertes Durch-die-Folien-Gehüpfe, das mich trotz der prägnant zusammengefassten Meinungen verschiedener Philosophen nicht befriedigt. Spannend ist der Einwurf, verschiedene religiöse Speisevorschriften könnten einst zur Schonung der Tiere gedacht gewesen, mittlerweile aber durch Misinterpretation ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt sein. So dürfen nach strenger Auffassung der Schächtung nur unverletzte Tiere geschlachtet werden. In der Vergangenheit soll diese Regel verhindert haben, dass Tieren bei lebendigem Leib einzelne Körperteile zum Zwecke des Verzehrs abgeschnitten wurden, die Wunden verschloss mensch anschließend mit Pech. Heutzutage wird bereits die Betäubung eines Tieres vorm Halsschnitt als eine Verletzung gewertet.

Jan Bredack

Jan Bredack, Geschäftsführer der Veganz GmbH, betritt die Szenerie, um die vegane Supermarktkette vorzustellen. Er spricht über seine Mitarbeiter, die Gehaltstrukturen im Unternehmen und den Ansturm von Bewerbern, über Anfeindungen und Verleumdungen, die aktuelle Palmölhysterie und warum die Firma Pelzträgern den Zutritt zu den Läden nicht verwehrt. Besonders spannend nehmen sich die Expansionspläne aus, bis Ende 2015 soll alle zwei Monate eine Filiale in einer „europäischen Metropole“ eröffnet werden: Hamburg, Wien, Leipzig, München, Essen, Prag, Stuttgart, Budapest, London, Freiburg, Warschau, Amsterdam, Zürich, Köln, Wien II, Nürnberg. Herr Bredack räumt außerdem mit Vorurteilen zur Ernährung in Russland auf als er von seiner Zeit bei Daimler berichtet. Aufgrund ihrer Re­li­gi­o­si­tät leben die meisten Russen während einer dreimonatigen Fastenzeit völlig vegan, entsprechend vorbereitet sind die lokalen Restaurants. Der Verzicht auf Alkohol wäre schwieriger zu argumentieren gewesen. Manche Klischees sind keine.

Die Zeit ist weit fortgeschritten, die Produktvorstellung wird auf einen anderen Tag verschoben, am Rundgang durchs Veganz besteht kein Interesse mehr. Wir packen ein.