Berufsverkehr

Die S-Bahn ist auffallend leer, eigentlich sollten die Menschen um diese Uhrzeit Schulter an Schulter gedrängt ihren Feierabend herbeisehnen. Einen Schritt später verstehe ich: Ein Mann liegt im Gang zwischen zwei Türen, in einer undefinierbaren Lache, einen Rucksack auf dem Rücken. Er rührt sich nicht. Die anderen Fahrgäste haben sich distanziert, sie sind näher zusammengerückt und haben Raum gemacht. Sechzehn freie Plätze mitten im Berufsverkehr, weil da jemand in angeschmuddelter Kleidung liegt und nicht so gut riecht?

Sie starren. Sie starren noch immer als ich endlich zu dem Schluss komme, einen Reglosen nicht einfach sich selbst überlassen zu wollen. Ich gehe auf ihn zu, frage, ob er Hilfe benötige. Er bewegt sich, ich bin erleichtert. Auf mein wiederholtes Ansprechen murmelt er nur, er wolle sich ausruhen. Dann sinkt sein Kopf wieder zu Boden, das Gesicht mit dem grauen Bart voraus. Ich biete ihm an, beim Aufstehen behilflich zu sein, die Bänke wären doch angenehmer als der Boden. In diesem Moment stürzt ein junger Mann auf uns zu, greift den Arm des am Boden Liegenden und will ihn nach oben ziehen. Ein weiterer betritt die Szenerie und verkündet, starke Männer wären im Anmarsch, die mit anpacken würden. Und während ich noch überlege, ob ich das alles so richtig finde, betreten zwei Sicherheitsleute die Bahn. Einer der beiden, ein kräftiger Mittvierziger, zieht sich gemächlich den zweiten schwarzen Lederhandschuh über, während er dem noch immer recht Reglosen „Na nun komm mal hoch, Großer!“ entgegenschallt. Warum duzt er den Mann? Noch bevor ich zum nächsten Gedanken ansetzen kann, greifen beide Sicherheitsleute zu und zerren ihn auf die Beine. Er wankt, bleibt aber stehen und wird mit dem Gesicht gegen die Scheibe neben der Tür gepresst. Nein, ich mag nicht, was hier passiert. Mir missfällt die Respektlosigkeit, mit der er behandelt wird. Doch was tun? Ich überlege, ihnen zuzurufen, was mir durch den Kopf geht, doch in diesem Moment verlässt mich die Zivilcourage.