Aktion: Foto mit Geschichte

Ein befreundeter Mensch spöttelt seit Urzeiten darüber, dass ich zwar mit einer Einsteiger-Protzerkamera fotografiere, diese Aufnahmen jedoch nur selten der Öffentlichkeit preisgebe. Üblicherweise ignoriere ich das einfach, doch diesmal fiel mir ein, dass das Jahr gleich rum ist: Überall gibt’s Rückblicke, auch fotografische, und wenn das Internet kann, dann kann ich auch. Andere zum Bilderausgraben anstiften nämlich.

Ich möchte allerdings niemanden dazu anhalten, das beste, das schönste, das kreativste oder überhaupt das -ste Foto rauszuholen. Man müsste sich entscheiden, einem Moment den Vorrang geben und über alle anderen stellen. Das mag ich nicht.

Deshalb: Suchen Sie doch bitte eine Aufnahme heraus, zu der Sie eine Geschichte zu erzählen haben und veröffentlichen Sie beides. Wo Sie das tun, ist mir vollkommen egal, nur lassen Sie bitte einen Link darauf hier. Das Ende des alten Jahres markiert den „Einsendeschluss“. Mal gucken, was wir danach mit der Sammlung anstellen.

Kampf der Kulturen

Wir trafen Yosef Ithzak Rabinowitz vergangenen Februar in der Jerusalemer Altstadt. Ich starrte, heilfroh dem endlos scheinenden Labyrinth des muslimischen Viertels entkommen zu sein, in dessen engen Gassen mich ein Jugendlicher mit den Worten „Oh, boobs, two nice boobs“ auf meinen Rang in der Hackordnung aufmerksam gemacht hatte, in die Karte der Innenstadt, ohne mich wirklich orientieren zu können. Yosef stoppte neben uns, volle Plastiktüten in den Händen haltend, und fragte, wohin er uns führen solle, er kenne sich aus. „Zur Grabeskirche“ schien keine adäquate Antwort, er ignorierte sie schlicht. Stattdessen begann er zu erklären, in welcher Richtung die ganz schlechten Menschen, die weniger schlechten Menschen und die ganz okayen wohnten (von schlecht nach „geht so“: Araber, Christen, Armenier). Zwischendurch bombardierte er uns mit Fragen: Ob wir verheiratet wären, Kinder hätten, welcher Religion wir angehörten und wie unsere Adresse lautete. Wir reagierten zögerlich. Plötzlich setzte er den schwarzen, breitkrempigen Hut ab, deutete auf meine Kamera und forderte mich auf, ein Foto von ihm zu machen. Völlig überrumpelt drückte ich auf den Auslöser, ohne Blende oder Verschlusszeit zu korrigieren. Er nannte seinen vollständigen Namen sowie seine Adresse und bat darum, ihm das Bild zuzusenden.

Yosef

Wir begleiteten Yosef ein Stück seines Weges zu den Empfängern des Inhalts seiner Tüten, allesamt hilfsbedürftige Menschen wie er sagte. Überhaupt redete er unentwegt während er durch die schmalen Häuserschluchten hatschte, uns mehr oder weniger gleichgültig im Schlepptau: von einer Talmudschule, die man von innen versperrt hatte, weil die Araber den jüdischen Schülern immer wieder Probleme bereitet hätten, von Überfällen auf Juden und einem verletzten Freund, der erst kürzlich angegriffen worden war. Doch wir bräuchten uns keine Sorgen machen, er wisse, welche Menschen man meiden müsse. Als wir den Platz vorm Jaffator, eines der neun Stadttore, erreichten, berichtete Yosef soeben von gelegentlichen Messerstechereien, die das hohe Polizeiaufgebot vor Ort begründeten. Wir hatten genug. Yosef ging weiter, schulterzuckend und unbeeindruckt von unserem Abschied. Der Grabeskirche waren wir kein Stück nähergekommen.