Heimatstadt (1): Nostalgischer Stadtbummel

Samstag, 09:20 Uhr, Leipzig Hauptbahnhof. Am Ende des Bahnsteigs steht Omi, erwartungsvoll in die Menge blickend bis wir direkt neben ihr auftauchen. Freude, Geknutsche und Geknuddel, dem Fellknäuel wird ein Würstchen in Aussicht gestellt.

Die erste Etappe unseres nostalgischen Stadtbummels führt zu den Schließfächern der Bahn, das wenige Gepäck zu verstauen. Weiter zum Brühl, einer der ältesten Straßen Leipzigs, an deren Westende über ein Jahrhundert hinweg immer ein Kaufhaus thronte. Zu Ostzeiten stand hier ein großes konsument-Warenhaus, wegen der gekachelten Aluminiumfassade Blechbüchse genannt, das seit einigen Jahren ungenutzt blieb und schließlich abgerissen wurde. An dessen statt errichtete man ein neues Gebäude, ummantelt mit den aufgearbeiteten, originalen Aluminiumkacheln aus DDR-Zeiten. Darunter hatte man aufgrund heftiger Proteste der Leipziger sogar einen Teil der ursprünglichen Fassade aus dem frühen 20. Jahrhundert erhalten.

Nun wurden an ebendieser Stelle die Höfe am Brühl eröffnet, eine Einkaufsmeile mit dem unpersönlichen Charme moderner Konsumtempel, für die drei Wohnblöcke aus den 60ern weichen mussten. Name und Ausdehnung des Komplexes sollen an die historischen Handelshöfe aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erinnern. Mit den Obst- und Gemüsehändlern unterm Vorbau und der Grillwurstbude wird im Sommer wohl nicht mehr zu rechnen sein, aber wenigstens von außen mutet das Gebäude in Teilen wie das aus meiner Kindheitserinnerung an.

Wir „frühstückten“ im dean & david: Latte Macchiato, Möhren-irgendwas-Saft und leckeren Salat mit gegrilltem Gemüse. Omi vernichtete den Mozarella, ich die Paprikastreifen. Schräg gegenüber entdeckte ich einen kleinen Cupcakes-Laden, den ich in der Hoffnung auf ein glutenfreies und veganes Exemplar sofort inspizierte. Zu meiner Überraschung hatte der Herr hinterm Tresen tatsächlich einen glutenfreien Cupcake im Angebot, gleichzeitig laktosefrei, jedoch leider nicht vegan. Also kein Kuchen für mich – Omi streikte sowieso – aber für Lucy:

Cupcake für Lucy

Fürs Fellknäuel gab es außerdem das versprochene Würstchen aus der vollbeladenen großmütterlichen Handtasche. Gestärkt und mit halbwegs erholtem Rücken wanderten wir die nächste Seitenstraße entlang Richtung Marktplatz. Kurz nach der Wende hatte unser Stammkaffeehaus hier seinen Sitz. Eigentlich ein schnöder Bäcker, aber mit kleiner Wendeltreppe zu einer knuffigen, kleinen Empore, auf der wir unseren Kaffee und Kuchen genossen. Gibt’s schon lange nicht mehr. Weiter oben auf der gleichen Straßenseite existierte noch zu DDR-Zeiten ein nachgerade prunkvolles Café mit Stühlen und Bänken in rotem Samt, goldfarbenen Griffen und Geländern und einem wandfüllenden Spiegel – wenn ich korrekt recherchiert und alle Indizien richtig gedeutet habe, hieß der Laden „Kaffeehaus Hainstraße“ und residierte im Erdgeschoss des geschichtsträchtigen Hôtel de Pologne, das momentan renoviert wird. Im Flachbau gegenüber wurden teuer Wurst und Fleisch verkauft, den passenden Imbiss hatte man in diesem Delikat gleich integriert. Das Gebäude ist mittlerweile verschwunden.

Kühn - Hainstraße, Leipzig, etwa 1978

Direkt nebenan das Restaurant „Zum Goldbroiler“. Man reihte sich hier, wie in so ziemlich allen sozialistischen Restaurants, in eine lange Schlange ein und wartete geduldig, bis man einen Tisch zugewiesen bekam. Saß man endlich vorm heißersehnten Brathähnchen (mir wird grad schlecht), so gierten die Wartenden über die Schulter. Es sei denn, man ergatterte einen Platz im Obergeschoss, noch dazu am Fenster wie es Omi und mir oft gelang. Zwei Häuserblöcke weiter hat sich die asbach-uralte Adler-Apotheke bis heute gehalten. Deren über hundert Jahre alte Jugendstil-Einrichtung ziert noch immer den Verkaufsraum – von den Fläschchen, Dosen und Beschriftungen in Altdeutsch war ich schon als Kind fasziniert.

Wir gelangten zum Marktplatz und wanderten zur „Milchbar Pinguin“, die im Vergleich zu damals irgendwie kleiner wirkte und mit einer neuen Innenausstattung versehen worden war. Unspektakulär. Unser nächstes Ziel lag in der Katharinenstraße und hatte schon vor sehr langer Zeit dicht gemacht: das bulgarische Spezialitätenrestaurant „Plovdiv“. An Spezialitäten erinnere ich mich nicht, aber an das mit Käse überbackene und mit Worcestersauce beträufelte Würzfleisch, das ich dort typischerweise aß. Dazu eine Scheibe Toast in zwei Dreiecke geschnitten und das Kind war selig. (Wie sich die Zeiten ändern.) Das richtige Gebäude auszumachen war schwierig, denn auch hier sieht nichts mehr aus wie früher. Omi erinnerte sich an einen Durchgang zur Hainstraße direkt neben dem Restaurant, ein Antiquariat auf dessen rechter Seite und Stufen im Laden selbst. Ich erinnerte mich an dunkle Metallfenster und einen überdachten Eingang. Das Antiquariat und den Durchgang, der zu „Kretschmann’s Hof“ (ja, mit Deppen-Apostroph) gehört, gibt es noch, die Fenster oder gar den alten Eingang zum Restaurant leider nicht mehr.

Den Sachsenplatz, auf dem heute in einem riesigen, quaderförmigen Bau das Musem der bildenden Künste untergebracht ist, betrachteten wir nur von Weitem – Omis Rücken wollte nicht mehr. Mein allerliebster Springbrunnen, die zahlreichen Blumenbeete und das Informationszentrum existieren sowieso nicht mehr, das Haus mit dem Stammfriseur der Familie steht zwar noch, Herrn André haben wir allerdings schon vor Ewigkeiten aus den Augen verloren. Zurück zum Brühl auf einen Kaffee, dann zum Bahnhof, um die Taschen einzusammeln und mit der Straßenbahn ins Hotel. Auf dem Weg kommt mir das Zeitungskiosk in den Sinn, bei dem mir Omi einmal im Monat die neuste Ausgabe des Mosaik kaufte. Auch weg.

Fortsetzung folgt.

(Foto: Kühn, Hainstraße in Leipzig, Ansichtskarte von etwa 1978)