Fantasy Filmfest 2012: Kurzkritiken (4)

Beasts Of The Southern Wild: Zwei klapprige Holzhütten dienen der kleinen Hushpuppy und ihrem schwerkranken, aber energischen Vater als Zuhause inmitten eines urtümlichen Sumpfgebietes fernab der restlichen Zivilisation. Hier sind die Verhältnisse einfach, die Umstände widrig, die Menschen selbstbestimmt, herzlich und rau. Trotz Sturm und Überflutung kehrt die Gemeinschaft in „The Bathtub“ zurück, derweil die ungestüme Protagonistin auf die Suche nach ihrer Mutter geht. Es ist weniger die Geschichte, die dem Film seinen Zauber verleiht, als die kindliche Perspektive auf Liebe, Zusammenhalt, Stolz und Tod, auf das Universum und die mystischen Kräfte, die es im Gleichklang halten. Ein poetisches Werk in einer ganz eigenen Sprache, dem es weder an wundervollen Bildern oder einem überwältigenden Score noch an hervorragenden Darstellern (ausschließlich Laien) mangelt, leider aber an Tiefe und dem letzten Funken Magie. Ich mochte dieses Debüt, die allgegenwärtige, selbstverständliche Respektlosigkeit gegenüber nicht-menschlichen Tieren war allerdings nur schwer zu ertragen.

Vamps: Was ist nur aus den düsteren alten Zeiten geworden, in denen Vampire zutiefst bösartige Geschöpfe waren, die in muffigen Gemäuern hausten und Menschen allenfalls als Spielzeug und Nahrungsgrundlage gebrauchten? Noch immer schlafen sie in Särgen, indes sind diese nun mit Bildnissen moderner Berühmtheiten ausgekleidet. Sie haben Rückenschmerzen und mobiles Internet, verlieben sich in Sterbliche, stricken und tragen rosa Unterwäsche. Nicht genug, dass sie dem Genuß menschlichen Blutes entsagen, sie gründen gar Selbsthilfegruppen, um anderen Gestalten der hell erleuchteten New Yorker Nacht in ihrem Streben nach dem ewigen vegetarischen Dasein beizustehen. Selbst van Helsing scheint dieser Tage nicht mehr verlässlich, viel zu verständnisvoll behandelt er die Rattensauger. Außerdem ist der Mann etwas zu kurz geraten. So wie die Story zu seicht und melodramatisch, die fiese Obervampirin zu human und Alicia Silverstone zu … naja, Alicia Silverstone eben. Nettes Popcornkino, das sich nicht vollkommen ernst nimmt, leider aber auch nicht ironisch genug, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Black Out: Der Ex-Kleinkriminelle Jos erwacht am Tag seiner Hochzeit mit einem Riesenloch im Gedächtnis neben einem toten Typen mit Riesenloch im Schädel. Dessen nicht genug, wird er vom völlig durchgeknallten russischen Drogenboss Vlad beschuldigt, in der vergangenen Nacht 20 Kilo seines Schnees geklaut zu haben, die er nun schleunigst wiederzubeschaffen hat. Und plötzlich hängen sie alle mit drin: die ehemaligen Kumpane, der alte Gauner im Rollstuhl samt seiner weiblichen Erfüllungsgehilfen, der emporstrebende Jungdealer von Nebenan, zwei Hundefriseure, Jos zukünftiger Schwiegervater und natürlich die Polizei. In schönster Guy-Ritchie-Manier bestiehlt und hintergeht hier jeder jeden, immer mit einem kernigen Spruch auf den Lippen und der Knarre im Anschlag. Ein ganz großer Spaß, der in meiner diesjährigen Favoritenliste sehr weit oben rangiert.

After: Zwei junge Leute finden sich nach einem Busunfall in ihrer plötzlich menschenleeren, von einer bedrohlichen Wolkenfront umschlossenen Heimatstadt wieder. Während Ana stereotyp-ängstlich kaum zu einem nützlichen Gedanken fähig ist, schreitet Freddy stereotyp-wacker zur Sondierung der Lage, deren Kern sich dem geneigten Zuschauer bereits mit der überdeutlichen Eröffnungssequenz offenbart hatte. Ein furchtbar schlecht animiertes Monster und etliche verdächtig bekannte (Harry Potter!) Fantasy-Elemente später wird die Geschichte zunehmend sentimental und unglaubwürdig. Merkwürdigerweise fühlte ich mich dennoch relativ gut unterhalten.

Compliance: Die Leiterin eines amerikanischen Fast-Food-Restaurants wird von einem vorgeblichen Polizeibeamten ans Telefon zitiert. Kassiererin Becky soll einen Gast bestohlen haben, „Officer Daniels“ verlangt von der Managerin die Festsetzung und Leibesvisitation der Diebin. Doch das ist erst der ungemütliche Auftakt eines Films, an dem sich die Geister bereits im Kino schieden. Während die einen glaubten, die filmische Darstellung habe unmöglich den wahren Abläufen entsprechen können, da auf die plumpen Tricks des Anrufers kein Mensch – vor allem nicht sie selbst – hereingefallen wäre, zogen die anderen angesichts des Milgram-Experiments immerhin die Möglichkeit in Betracht, dass sich das Drama genau so zugetragen hatte. Für mich funktionierte der Film – trotz oder gerade wegen permanenter „What the fuck?!“-Momente.