Vegan Tryout: Tag 12 – Realitätscheck

Neulich im Biergarten. Ich unterhielt mich, etwas im Abseits, mit einem der anwesenden Kollegen über eine Dokumentation, die er kurz zuvor gesehen hatte. Sie handelte vom Erwerb großer Agrarflächen durch Regierungsorganisationen und Konzerne in Entwicklungsländern, eine gängige Praxis, die es ansässigen Bauern unmöglich macht, eigenständig für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Mein Kollege zeigte sich über die Kaltschnäuzigkeit der vom Geld Getriebenen erzürnt, eins führte zum anderen, wir sprachen über die allgegenwärtige Ungerechtigkeit, die Ausbeutung unseres Planeten und das unserer Ansicht nach erforderliche Umdenken beim Verbraucher. In diesem Zusammenhang konnte ich nicht umhin, meine ethisch-moralischen Wertvorstellungen betreffs nicht-menschlicher Tiere in den Ring zu werfen – eine Denkweise, die meinem Gegenüber glücklicherweise nicht vollkommen fremd war, hatte er doch einige Zeit selbst vegetarisch gelebt. Im Laufe des Gesprächs bemerkte ich, wie sich Augen und Ohren der übrigen Tischnachbarn zunehmend unseren Ausführungen zuwandten. Man mischte sich ein, steuerte Gegenargumente bei, unternahm einige Anstrengungen, die Sinnhaftigkeit der „leider, leider nicht ganz optimalen“-Bedingungen in der modernen Massentierhaltung zu erläutern. Schnell war man beim Veganismus angelangt, der vollkommen übertriebenen Reaktion verrückter Weltverbesserer auf fragwürdige Informationen. Ich schwieg, unfähig, der emotionalen Gleichgültigkeit meiner Kollegen entgegen zu treten.

Als Vegetarier war ich der missionierende Sonderling: Plötzlich aß ich weder Fleisch noch Fisch, sprach unaufgefordert über die Ursachen dieser mir unumgänglichen Entscheidung, foppte die Kollegen beim Anblick ihres mittäglichen Burgers und echauffierte mich über das ausbleibende Verständnis für die moralischen Werte, die meine neue Lebensweise begründeten. Zumeist erntete ich, was ich selbst gesät: spöttische Kommentare über mein offensichtlich mitleiderregendes Mittagsmahl. Welche Ignoranz, welch einfältige Borniertheit hatte meine Mitmenschen geschlagen, servierte ich ihnen doch wissenschaftlich fundierte Beweise ihres gemeinschaftlichen Irrtums auf dem Silbertablett. Allein, sie waren blind.

So verminderte ich meine Bemühungen, ließ hin und wieder eine Tierschutzbroschüre in der Firmenküche liegen, organisierte im Halbdunkel eines Nachschubproblems an konventionellem Kaffeeweißer Biomilch und reagierte im Großen und Ganzen nur noch. Ich lebte vor, zumeist ohne Anklage. Meine Entscheidung, den veganen Alltag einem Test zu unterziehen, kommunizierte ich zwar, allerdings fernab der großen Glocke. Und doch scheint meine bloße Existenz als Veganer kontroverse Debatten zu provozieren.

Gehörte ich vorher zu den barmherzigen Fleischverweigerern, deren Tierliebe in rudimentär nachvollziehbarem Verzicht mündete, war ich nun zu den radikalen Milchkuhbefreiern übergelaufen: „Drehst Du jetzt völlig durch?“ Mit Verlaub, natürlich nicht. Ich habe mich lediglich einem Verhaltenskodex entzogen, den die Mehrheit der Bevölkerung als natürlich, rational schlüssig und notwendig empfindet: das Töten und Verwerten nicht-menschlicher Tiere. Die strikte Ablehnung dieser Ideologie kommt einem Ausstieg aus der Gesellschaft gleich, eine solche Abkehr irritiert und wirft zumindest die Frage auf, warum ein Mensch gegen die Normen der karnivoren Kultur so vehement aufbegehrt.

Die unwillentlich Konfrontierten feixen mir die Antwort direkt ins Gesicht: Ich irre, ich erliege einem fatalen Trugschluss, ergehe mich in einem Akt sinnloser Rebellion, der nicht nur an meinem Willen sondern auch an meiner Fähigkeit zur gesellschaftlichen Integration zweifeln lässt. Eine Welle der Agitation bricht über mir zusammen, ich muss überzeugt, mein Glaube an die Normalität wiederhergestellt werden, so wie ein Kind aus wirren Phantastereien befreit werden muss. Indes, ich bleibe stur.

Einige meiner Opponenten werden das Thema nie wieder anschneiden, sie halten es für irrelevant. Anderen wird der moralische Widerspruch zwischen dem allseits propagierten Fleischverzehr und ihrer angeborenen Empathie für fremde Lebewesen mit dem nackten Hintern ins Gesicht springen, wenn das Schweinefleisch aus dem Supermarkt bereits auf dem Teller liegt, während sie das niedliche, von der Kollegin adoptierte Babyminischwein knuddeln. Die Meisten jedoch werden fortfahren, die Wahrheit zu schönen – aus Überzeugung, Unkenntnis, Ver­ständ­nis­lo­sig­keit, mangelnder Empathie und dem absoluten Unwillen, Konsequenzen aus etwaigen Einsichten zu ziehen. Erkenntnis ist unbequem.

Ich habe Hoffnung: Einst gehörte ich zur Majorität.