Zombies im 19. Jahrhundert

Als gestern Nachmittag in meiner Timeline ein Artikel des Atlantic auftauchte, war meine Neugier geweckt und der Tag gelaufen. Das Magazin präsentierte Bilder des Amerikanischen Bürgerkriegs, aufgenommen zu einer Zeit als die Fotografen ihre Studios auf Pferdekarren durch die Gegend schubsten und das ganze Gewerbe noch in den Kinderschuhen steckte. Gucken Sie sich mal dieses Foto an (please click to enlarge):

Haas & Peale - Morris Island, South Carolina, 1863

Sind Ihnen die Augen der beiden Unions-Soldaten im Vordergrund aufgefallen? Milchig, fast weiß. Die Herren könnten in jedem modernen Zombiefilm die Hauptrolle geben.

Erst war ich versucht, die damals üblichen, langen Belichtungszeiten dafür zu beschuldigen: Während der Stillsitzsekunden konnte man immerhin mehrfach blinzeln und die Augen bewegen, was möglicherweise ein schwammiges Ergebnis zur Folge gehabt hätte. Allerdings sind die Iriden der Soldaten deutlich erkennbar, scharf, lediglich schwach gezeichnet. Ich warf die Canon an – doch auch nach dreißig Sekunden Lichteinfall und massig Blinzelei sahen meine Gucker aus wie sie eben so aussehen. Die Theorie taugte nichts.

Des Pudels Kern lag wohl in der Aufnahme- oder Entwicklungstechnik. Die Library of Congress digitalisierte das Bild und notierte zum Medium: „1 negative: glass, wet collodion“. Die Fotografen Haas & Peale ambrotypierten also: Eine kleine, weißliche Glasplatte wurde mit einer dünnen bromid- und iodidhaltigen Kollodiumschicht versehen, in Silbernitratlösung getaucht, im nassen Zustand belichtet, entwickelt, fixiert und getrocknet. Das entstandene Negativ wurde schwarz hinterlegt. Unbelichtete, durchsichtige Stellen wirkten nun dunkel, belichtete Stellen, auf denen sich schwarzes Silberpulver niedergeschlagen hatte, erschienen fast weiß. (Eine superverständliche, bebilderte Ambrotypie-Anleitung in mehreren Teilen findet sich hier.)

Das Verfahren war nicht nur deutlich günstiger als die damals in Amerika gebräuchliche Daguerreotypie, sondern erlaubte auch wesentlich kürzere Belichtungszeiten, die sich entsprechend der Lichtverhältnisse zwischen einer und sechzig Sekunden bewegten. Es hatte allerdings einen Nachteil: Silberhalogenide (Bromide und Iodide der Kollodiumschicht, die im Silberbad zu Silbersalzen reagieren) absorbieren nur ultraviolettes bis blaues Licht. Demzufolge erscheinen Farben innerhalb dieses Teilspektrums auf dem endgültigen Bild hell, während grün, gelb, orange und rot dunkel wirken.

Dieses Phänomen zeigt sich auf folgenden Bildern besonders deutlich: Der Tisch, auf dem das Telefon steht, ist blau und somit hell auf der Ambrotypie.

Lukas Fritz - Digital fotografierte Szene für eine AmbrotypieLukas Fritz - Weiß und schwarz hinterlegte Ambrotypie

Hingegen sieht das leuchtend rote Haar einer Dame auf der Ambrotypie dunkel aus und hebt sich kaum vom Hintergrund ab. Auch gelb- bis rötliche Hautverfärbungen wie Sommersprossen oder eine vollständig dunkle Pigmentierung spielen wider die Farbtreue ins Schwärzliche.

Und unsere Zombiesoldaten? Die beiden hatten vermutlich hellblaue Augen, die aufgrund der beschriebenen Lichtempfindlichkeit des Mediums und der vergleichsweise langen Belichtungsdauer nur noch als milchig-weiße Masse erkennbar sind.

(Fotos: Library of Congress und Lukas Fritz)