Lange Nacht der Bühnen

Diesmal bei der Langen Nacht der Opern und Theater: italienisches Essen, Honigkuchenpferde, Neuköllner Chic, Stürze über die Teppichkante, Pipi im Tipi, Artistik auf dem Kühlschrank und der drängende Wunsch nach einem Teleobjektiv.

Wir wollen Edith sehen und starten deshalb wieder im BKA-Theater, das Ausschnitte aus dem brandneuen Programm Linie 8 von Ades Zabel & Company zeigt. Frau Schröder widerfährt Schreckliches: Ihre Wohnung im Hinterhof eines maroden Altbaus soll mitsamt Haus saniert werden, Kneipenbesitzerin Jutta lässt nicht mehr anschreiben und bei Legginsverkäuferin Biggi weilt ein lispelnder, prä-diätöser Karl Lagerfeld (göttlich!), um die Neuköllner zu trendifizieren. Herrlich!

BKA-Theater - Linie 8

Die Volksbühne ist unser nächstes, eher ungeplantes Ziel. (Noch zur Auswahl auf der Route: Die Schaubühne am Lehniner Platz mit Musiktheater. Brrr.) Wir sind zu früh für den nächsten Einlass. Hinter verschlossenen Türen brüllt es und schreit Zeter und Mordio. Als wir endlich den Saal betreten, bin ich überzeugt davon, diesen innerhalb der nächsten fünf Minuten fluchtartig verlassen zu wollen. Die Bühne wird von einem riesigen, in Falten gelegten Teppich beherrscht, unter den die in grotesker Biedermeierverkleidung herumstolpernden Figuren offenbar einiges gekehrt haben. Die Schauspieler hüpfen, stürzen und überschlagen sich dank eines integrierten Trampolins, sie kreischen und toben, stolzieren und tanzen, flüstern verführerisch oder starren ins Publikum. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass die Verwechslungskomödie bereits hundert Jahre auf dem Buckel hat. Die (s)panische Fliege ist wie ich klassisches Theater noch nie gesehen habe: unterhaltsam, schrill und irrsinnig komisch. Davon will ich unbedingt die volle Ladung. (Falls sie nur mal gucken möchten, sich das Live-Erlebnis versauen wollen oder schlicht nicht in die Volksbühne kommen können, klicken sie sich doch in die arte-Aufzeichnung.)

Volksbühne - Die (s)panische Fliege

Weiter ins Tipi am Kanzleramt. Dort erwarten uns Die 12 Tenöre: Zwölf junge Herren mit beeindruckenden Stimmen präsentieren Hits aller Couleur. Hübsch anzuhören, etwas weniger Slapstick hätte es allerdings auch getan. Außerdem gehört der Tontechniker wegen des leicht klirrenden Mikrofonsounds gehauen. Der fehlt bei Ennio glücklicherweise, stattdessen überrascht der Verwandlungskünstler mit immer neuen Kostümen aus Papier und Pappe und seiner ganz eigenen Interpretation berühmter Stars und Sternchen wie Udo Lindenberg, Lady Gaga, Biene Maja, Eminem und (ganz groß) Rammstein. Wie der Mann dieses unglaubliche Tempo von Darbietung und Kostümwechseln siebzig Minuten lang durchhält, ist mir unbegreiflich.

Den krönenden Abschluss bilden die Artisten des kanadischen Ensembles The 7 Fingers im Chamäleon Theater. Das Setting der Show „Loft“ ist eine Wohnung, die sich die Sieben teilen. So verbiegt sich eine mit etlichen Taschenlampen gegen das Dunkel ausgerüstete Kontorsionistin ausgiebig auf Kühlschrank und Badewanne, schwingt eine Trapezkünstlerin kraftvoll und grazil durch die Lüfte während der Rest der WG auf Möbelstücken hockt. Sogar die schon häufig gesehene Handstandakrobatik warf uns von den Socken, was nicht zuletzt der hervorragend ausgewählten Begleitmusik zu verdanken ist. So macht Zirkus Spaß.

Volksbühne

Fazit: Ein wunderbarer Abend, nächstes Jahr wieder.