Sherut für Anfänger

An einer größeren Tel Aviver Straße auf ein Sherut lauern, es mit Handzeichen stoppen, einsteigen, losfahren, ankommen: Irgendwie hatte ich mir das einfacher vorgestellt

Wir hätten ein Taxi nehmen können, um unseren Gastgebern – Freunde der metalheadschen Familie, die seit mehr als drei Jahren in Tel Aviv leben und uns auf ein paar Wein und gute Tipps eingeladen hatten – im benachbarten Ramat Gan einen Antrittsbesuch abzustatten, doch das schien uns zu profan. Wir wollten näher ran ans Tel Aviver Leben, an das Neue und Unbekannte, und uns aus einem der vielen „Moniot Sherut“ (moniot = Taxis, sherut = Service) die Stadt begucken. Diese Minibusse fahren zumindest grob die öffentlichen Busrouten ab, halten auf der Strecke aber beliebig, um Fahrgäste aus- und einzuladen. Letzteres nur bei freien Kapazitäten.

Sherut in Tel Aviv

Für Ortskundige sicher eine tolle, aber langweilige Sache, sind Sherut für Touristen, die sich bar jeglicher Hebräischkenntnisse ins Abenteuer Israel stürzen, ein echtes Erlebnis. Insbesondere am ersten Abend, wenn sie absolut keine Vorstellung davon besitzen, wie der Hase in der fremden Stadt läuft. Immerhin: Den zuvor recherchierten Falafel-Laden mit glutenfreiem Pita hatten wir beinahe sofort gefunden. Und standen nun mit vollen Mündern und verdutzten Gesichtern in der Stadt der dreisprachig beschrifteten Straßenschilder vor einem komplett hebräischen Busfahrplan. Der würde uns keine geeignete Route gen Nordost offenbaren. Die anschließende Passantenbefragung lieferte verwirrende Ergebnisse – wir beschlossen, dem Rat eines jungen Mannes zu folgen, der uns von seinem Auslandssemester in Berlin vorgeschwärmt hatte, und stiegen blindlings ins nächste Sherut.

Naja, ich plante blindlings einzusteigen, prallte aber gegen den Metalhead, der mit einem Google-Maps-Ausschnitt unserer Zieladresse vorm verdatterten Fahrer herumwedelte, bis ich ihn endgültig in den Wagen schob. Dabei hatte ich ihn vorher wohlweislich über das Protokoll aufgeklärt: einsteigen, hinsetzen, den Fahrpreis nach vorn durchreichen.

Ganz hinten gab es noch zwei freie Plätze neben einem älteren Ehepaar. Vor uns ein junger Mann, den ich als Dolmetscher und Unterhändler auserkor. Ich teilte ihm mit, wohin wir wollten, er erledigte freundlicherweise die Formalitäten für uns: Er diskutierte mit den Passagieren, der Fahrer krähte über die Schulter nach hinten, hebräisches Durcheinander, dann der junge Mann mit der frohen Botschaft, es hätten sich nun alle geeinigt. Wir würden an einer entfernten Straßenkreuzung aussteigen und ein Taxi nehmen müssen. Oder laufen. Unsere zwölf Schekel innerstädtisches Fahrgeld (etwa 2,40 Euro) wanderten nach vorn, das Wechselgeld kam auf dem gleichen Weg zurück. Durchatmen, aus dem Fenster schauen und den Schweiß ignorieren, der sich unter unseren Mänteln gesammelt hatte.

Hochzeitskapelle in Ramat Gan

Wir nahmen kein Taxi, sondern spazierten auf schmalen Bürgersteigen durch einen orthodoxen Stadtteil, entlang an gedrungenen Häusern mit verwetterten Fassaden und ungepflegten Vorgärten. Auf der anderen Straßenseite moderne Wolken­krat­zer. Es nieselte und wir fragten uns, auf welchem Planeten wir gelandet waren. Passend zur Unwirklichkeit des Abends: die stark frequentierte jüdische Hochzeitskapelle auf dem Dach des Nachbarhauses unserer Gastgeber.