Outer Limits

Ich hatte mit verschärften Ein- und Ausreisechecks am Flughafen, uniformierten Soldatinnen in Cafés und Taschenkontrollen vor Einkaufszentren und Busbahnhöfen gerechnet, war davon ausgegangen, orthodoxen Juden oder zumindest irgendwie religiösen Menschen zu begegnen und hatte mich gedanklich darauf vorbereitet, größere Menschenansammlungen zu meiden. Ansonsten malte ich mir Tel Aviv als junge und tolerante Metropole aus, mit Cafés, Clubs und Einkaufsmeilen, eine Stadt, in der das Leben tobt und sich niemand um die Ansichten der anderen schert. Ein bisschen wie Berlin, nur mit dem Meer vor der Haustür.

Dazwischen ein säuberlich geharkter Sandstrand und eine ebenso schmucke Strandpromenade, die auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und der alten Hafenstadt Jaffa von einem verfallenen Delfinarium unterbrochen wird. 2001 sprengte sich hier ein Attentäter inmitten einer Schlange Teenager in die Luft, die auf Einlass in die beiden ansässigen Clubs warteten.

Tel Aviv - Delfinarium

Einige Tage später warf ein Mob wütender Juden Steine auf die gegenüberliegende Hassan Bek Moschee und forderte den Tod der Muslime, was wiederum Gewaltakte der arabischen gegen die jüdische Bevölkerung provozierte. – Welcome to Israel.

Tel Aviv - Hassan Bek Moschee

Der Konflikt ist hausgemacht – das Ergebnis europäischer Machtbestrebungen, die keine hundert Jahre zurückliegen. Während des Ersten Weltkriegs buhlte das Britische Empire um die militärische Unterstützung der Araber im Kampf gegen das mit den Deutschen verbündete Osmanische Reich. Man stellte die Errichtung eines unabhängigen arabischen Staates nach dem Krieg in Aussicht. (Lawrence von Arabien, liebe Cineasten.) Gleichzeitig versicherte man der zionistischen Bewegung die Förderung einer jüdischen Heimstätte in Palästina. Tatsächlich aber hatten die Aliierten die Aufteilung des Nahen und Mittleren Ostens bereits festgelegt: Palästina und der Irak sollten hiernach an Großbritannien fallen, Syrien und Libanon an Frankreich. 1920 legitimierte der Völkerbund die Herrschaft der Mandatsmächte, mit Sir Herbert Samuel wurde ein Jude Hochkomissar Palästinas. Die Araber waren sauer: Von der britischen Politik um ein souveränes Großarabien betrogen, empfanden sie den Erwerb von Grundbesitz durch die wachsende Zahl jüdischer Siedler zunehmend als Bedrohung. Es kam zu ersten Überfällen und Massakern, die 1936 im Großen Arabischen Aufstand gipfelten. Die britische Regierung begrenzte daraufhin die Einwanderung von Juden nach Palästina, was paramilitärische zionistische Untergrundorganisationen in den folgenden Jahren auf illegalem Weg auszugleichen versuchten. Vor dem Hintergrund des Holocaust verfügte die UN-Vollversammlung 1947 das Ende der britischen Mandatsgewalt sowie die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Mit dem Abzug der Briten entwickelten sich bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen nationalistischen Arabern und jüdischen Extremisten, die nach der Ausrufung des Staates Israel im Palästinakrieg kulminierten. Hunderttausende Araber wurden vertrieben oder flohen angesichts des radikal-jüdischen Terrors ins arabische Ausland, das Westjordanland und den Gazastreifen. Israels Nachbarstaaten brachten die bis heute zumeist staatenlosen Flüchtlinge dauerhaft in Lagern unter, aus denen palästinensische Widerstandsbewegungen auch weiterhin Mitglieder rekrutieren.

Fünf Kriege, zwei Intifadas, unzählige islamistische Terrorangriffe und israelische Vergeltungsschläge später wird noch immer darüber gestritten, wem das Land gehört und wessen Gott der einzig wahre ist.

Tel Aviv - Mike's Place

Die Vorstellung, ich würde mich im säkularen Tel Aviv nicht bedroht fühlen, entpuppte sich als Irrglaube. Ständig stolperten wir über Orte, an denen Menschen bei Terroranschlägen getötet worden waren. Jeden Morgen wartete die neueste Ausgabe der Haaretz mit der israelischen Dosis Wahnsinn auf: »Seven rockets fired from Gaza into southern Israel«, »Panetta lets stand report that Israel may attack Iran by June«, »All Israeli schools can now join West Bank ›heritage‹ tours, Education Minister says«. Die Schlagzeilen wechselten, die Themen blieben die gleichen. Nach einer Woche war ich völlig paranoid.

Wir flüchteten in die Ruhe eines reizenden kleinen Restaurants in einer wenig belebten Seitenstraße. Die junge Kellnerin antwortete auf meine Frage, wie sie mit der Situation umginge: „It’s a lot of pressure, but this belongs to us. We are proud of what we have created.“ Ob sie noch an Frieden glaube? Mit einem gelassenen Schulterzucken: „They’re saying two things since I was born: There will be peace. And a subway.“