Lokalkolorit

Zweimal durchs Friedrichshainer Kiez gelaufen und schwupp, tausend neue Eindrücke.

Furchtbar leckeres Eis gibt’s in der Eismanufaktur, einem kleinen Laden voller fleißiger Menschen, die besonders im Sommer die Schlange vorm Tresen abzuarbeiten bemüht sind. Anstehen lohnt sich, denn hier schmeckt das Eis wie es heißt (muhahaha, ein Reim): Mango, Pistazie, Schokolade, Rhabarber, … und gar köstliches Zimteis, eine zu Unrecht wenig beachtete Geschmacksrichtung. Weil die einfachen Sorten zu langweilig sind, erfanden die Eismacher in einer durchzechten Vollmondnacht solch wilde Kreationen wie weiße Schokolade mit Parmesan und Karamell mit Salzbutter. Fürs bessere Gewissen wird in Bio gemacht, ohne künstliche Aromen oder Geschmacksverstärker. Außerdem sind alle Sorten glutenfrei und etliche auch für Laktoseintolerante geeignet.

Mit dem Eis in der Hand kann man gleich noch zu packattack schlendern. Im Werkstatt-Laden werden wundervolle Taschen aus LKW-Plane und gebrauchten Segeln handgefertigt. „Haste den Preis gesehen?“ „Neunfuffzich“ nuschelt Mami. Ich denke nicht lange nach und schnappe mir eine knallrote Tasche mit innewohnendem Monster zur Diebesabwehr (Coffeepounder, Größe L).

Monster-Tasche

Als die freundliche Dame an der Nähmaschine 59 Euro von mir verlangt, fühle ich die Schamesröte ins Gesicht steigen. Neunfuffzich. Ich Depp! Egal, ich habe mein Monster sofort liebgewonnen, ein Rückzug kommt aufgrund extremer Peinlichkeit sowieso nicht mehr in Frage. Sie reicht mir die Tasche. Und ein vom Inhaber verfasstes Gedicht:

Die Schlauchschelle

Aschberg hatte keinen Bock mehr
Zähe Stunden lag er unschön
überstreckt mit dem Haupte vorneweg
in der Küchenzeile seiner Wonne
ohne Lust und fern der Sonne
hatte fluchend Husten satt
musste aber doch die Pflichten
eines Liebenden verrichten
und die Waschmaschinenmuffe
seiner Angebeteten
mit des Akkuschraubers Macht
und der Schlauchschellen Schrumpfungskraft
von dreiviertel auf einhalb Zoll
und zugleich dem Schlauch entgegen
um die Zeilenkante biegen
Weil das Ansinn’ gleich vom Anfang
seinen Unwilln aufgeweckt
und den Schlauch ins Maß zu zwängen
Handwerk ad absurdum setzt
war ihm jetzt der Tag zuwider
und er schlug die Lider nieder.

Kamera und iPad passen zusammen grade rein, mein zernüscheltes iPhone findet seinen Platz in einer perfekt dimensionierten Innentasche und der Schlüssel im reißverschlussgesicherten Fach. Wem die Defaulteinstellungen nicht genügen, der kann sich eine Tasche ganz den eigenen Vorstellungen gemäß fertigen lassen.

Bei Frieda Hain direkt nebenan lassen sich knuffige Babygeschenke für frischgebackene Eltern kaufen, wahlweise beglückt man sich selbst mit Stoffen oder anderen Nettigkeiten. Ein sehr eulenlastiges Geschäft.

Kaffeedurst und Hunger! In der Datscha sind freie Plätze am Wochenende Mangelware, wer das Glück hat, dennoch einen zu erhaschen, gibt ihn nicht so schnell wieder her: Die Inhaber (denen übrigens auch das Pasternak und Gorki Park gehören) ahmen erfolgreich das gemütliche Ambiente eines russischen Wochenendhauses nach. (Im Osten hieß das „Datsche“ und hatte zumeist die Gestalt eines Schrebergartenbungalows.) Sonderlich viele glutenfreie und vegetarische Gerichte finde ich hier nicht, dafür schmeckt der Borschtsch ausgezeichnet und der Salat mit Schafskäse ist auch nicht zu verachten. Blinis, Pelmeni und Rührei mit russischer Wurst stehen ebenso auf der Karte wie absonderliche Limonade und das würzige, nach sozialistischem Rezept in Kreuzberg gebraute Wostok. Netter Laden, introvertierte Bedienung.

Café Datscha in Fhain

Im Samariter-Kiez stolpere ich über einen hübschen Laden mit ökologisch-spirituellem Namen: Einklang. Täglich wechselnd wird ein Mittagsgericht inklusive Salat und Dessert feilgeboten, zum Sortiment gehören außerdem verschiedene Aufstriche, Pestos, Chutneys, Sirupe und Konfitüren. Alles rein vegetarisch. Der nette junge Mann hinterm Ausschank erzählt von einem Garten in Bernau, mit dem vor vier Jahren alles begann. Zu zweieinhalbt bewirtschaftet wirft er einen großen Teil der Kräuter und Gemüse ab, die zur Herstellung der Endprodukte erforderlich sind. Letztere wurden lange Zeit nur auf Wochenmärkten verkauft bis man sich zusätzlich für das Bistro entschied. Tolle Sache. Der Holunderblütensirup macht sich im Prosecco übrigens hervorragend.

Noch mehr Friedrichshain? Die Friedrichshainer Chronik gräbt Alltagsgeschichten von früher und heute aus, vergessene Orte und Momente. Sehr lesenswert. Gibt’s auch gedruckt.