Wider die Verschwendung

Wir haben die Bodenhaftung verloren.

Während sich ein Arbeiter in Kamerun keine Banane leisten kann, rümpfen wir bereits beim ersten bräunlichen Fleck auf der importierten Frucht die Nase. Wir greifen zur fehlerfreien Variante. Äpfel mit Druckstellen, krumme Karotten oder murkelige Kartoffeln? Undenkbar. Nicht einmal zerbeulte Saftpackungen oder eingedellte Konservendosen wollen wir mit nach Hause nehmen. Der Verbraucher wünscht Makellosigkeit.

Er verlangt Vielfalt und Frische: 60 Brotsorten kurz vor Ladenschluss in der Bäckereiauslage, ofenwarm und knusprig, das Tier für den Hackbraten eben geschlachtet und das Bier zum abendlichen Sportereignis noch mindestens sechs Monate haltbar. Dem Handel ist der Kunde König, schließlich will niemand der figurbewussten Familienmutti erklären, warum es ihre Lieblingssorte Apfelstrudel-Joghurt nur in der fetten 1,5 %-Variante gibt. Jedes noch so abwegige oder bisher gar ungeweckte Bedürfnis soll befriedigt werden. Die damit verbundene Vorratshaltung ist purer Wahnsinn, Überschuss immanent, aber wohlkalkuliert. König Kunde soll kaufen, am besten die Familienpackung im vermeintlichen Sonderangebot.

Von der Industrie kostenoptimiert in Massen produzierte und billig auf den Markt geworfene Lebensmittel landen früher oder später auf dem Müll: Nahezu 50 Prozent der in den Industrienationen erzeugten Nahrungsmittel werden in einwandfreiem Zustand oft weit vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums entsorgt. Auch vom Verbraucher, hauptsächlich aber von Supermarktketten und Großhändlern, Transporteuren oder gar den Erzeugern selbst: aus mangelndem Problembewusstsein, rücksichtsloser Profitgier oder ästhetischem Wahn.

Die Preise für Lebensmittel werden in Zeiten der Globalisierung durch die Nachfrage auf dem Weltmarkt bestimmt: je höher die Nachfrage, desto höher die Preise. Das gilt besonders für Grundnahrungsmittel wie Weizen und Reis. Weltweit hungern über 925 Millionen Menschen – ein Siebtel der Weltbevölkerung – weil sie nicht einmal das Geld für den Kauf elementarer Lebensmittel aufbringen können. Durch Spekulationen mit Nahrungsmitteln und Ackerland, Ernteausfälle aufgrund von Klimakatastrophen, unseren absurd hohen Fleischkonsum, durch den Anbau von Getreide für Bio-Treibstoffe und den verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln verknappen wir die Ressourcen und treiben die Preise in die Höhe. Nicht nur in Dritte-Welt-Ländern, den Hunger trifft man vor der eigenen Haustür. Dabei wäre genug für alle da: Allein mit den weggeworfenen Lebensmitteln könnte man die Hungernden dreimal ernähren.

Lösungsansätze gibt es zuhauf, Taste the Waste dokumentiert einige von ihnen. So ließen sich Brotreste zum Befeuern von Backöfen verwenden, widersinnige EU-Richtlinien zur Normierung von Obst und Gemüse abschaffen, Supermärkte könnten Lebensmittel kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums günstiger abgeben oder gar kostenlos an gemeinnützige Organisationen wie die Tafeln.

Vor allem aber ist der Verbraucher gefragt. Wir.

Fordern Sie im Supermarkt krumme Gurken, bestehen Sie auf einen Preisnachlass für die Rettung eines halbwelken Salatkopfes und beschweren Sie sich regelmäßig über fehlende Single-Abpackungen! Vergessen Sie das Mindesthaltbarkeitsdatum (nicht zu verwechseln mit dem wichtigen Verbrauchsdatum) und vertrauen Sie ihren eigenen Sinnen – schmecken, riechen und kosten Sie! Kochen Sie aus den Resten in Ihrer Speisekammer und Ihrem Kühlschrank etwas Leckeres, denn: Jeder kann ein Hausschwein sein!