Jane und Tarzan

Bullenhitze Anfang Oktober. Ich verschwinde im Wald, genauer gesagt im Hochseilgarten Jungfernheide (unschlagbares get2Card-Angebot). Straff organisiert der Laden: Anstehen, sämtlichen Schmuck ablegen, zahlen, die Kletterausrüstung in Empfang nehmen, sammeln und auf den Trainer warten, der unserer Gruppe die notwendige Einweisung erteilen soll. Zuhören, anziehen, festzurren und 30 Zentimeter über der Erde probeturnen: Mit Lehrstunde, Gurt und Smarties (einem intelligenten Karabiner-Set, bei dem nicht beide Karabiner gleichzeitig aus dem Sicherungsseil geklinkt werden können) fühle ich mich ausreichend für den Aufstieg gewappnet.

Von den sechs Parcours in vier Schwierigkeitsstufen sollen wir mit dem grünen und leichtesten beginnen. Ich warte hinter vier Knirpsen, um die erste Plattform zu besteigen und glaube, dass Grün nicht wirklich meine Farbe ist. Drei Meter höher wird mein Selbstvertrauen von furchtbar wackeligen Seilen und Holzstegen in Mitleidenschaft gezogen. Ich beobachte einen unsicheren, dicken Jungen, der auf einer der Plattformen in den Bäumen festzusitzen scheint. Schnell eilt ihm ein Trainer per Leiter zu Hilfe, redet ruhig auf den Kleinen ein und befreit ihn nach einigen Minuten aus seiner misslichen Lage. Ich schlucke und setze meinen Weg fort – vor meinem geistigen Auge ein Kastanienbaum, auf dem ich in Kindertagen wegen eines plötzlichen Höhenpanikanfalls festsaß. Vier Etappen liegen hinter mir als ich mit der Seilrutsche konfrontiert werde: Nur die Smarties werden mich vor Tod und Verderben bewahren, wenn ich mich in die Tiefe stürze, um am Sicherungsseil zum nächsten Baum zu schlittern. Ich stehe am Ort des Scheiterns eines kleinen, dicken Jungen, mir wird ganz anders. Ich zögere … und schwanke zwischen Gerettetwerdenwollen und Dasschaffich während der Metalhead neben und das filmende Mütterlein unter mir auf mich einreden wie auf ein scheuendes Pferd. Ach, was soll’s – ich springe mit Kampfgewimmer in den Abgrund. „Mein neues Lieblingshobby wird das nicht“, sage ich breit grinsend in die Kamera. Grün ist toll.

Blau weniger. Das Vertrauen in die Sicherheit unseres zweiten Parcours verliere ich bereits, als ich eine der zum Teil lose in den Aufstiegsstamm gesteckten Sprossen (damit nach Feierabend niemand hochklettern kann) in der Hand halte. Instant-Schwindel in zwei Metern Höhe. Verbissen klettere ich weiter, nehme jede Abkürzung, die sich mir bietet – Seilrutschen werden meine besten Freunde. Ich erreiche die letzte Plattform, nur eine Leiter trennt mich vom untaumeligen Erdboden. Meh. Opi war die Dachbodenleiter immer erst ein kleines Stück hinabgestiegen, hatte meine Füße auf die oberste Sprosse und meine Hände an die Holme bugsiert, um dann langsam mit mir hinunterzuklettern. Ein Trainer bemerkt, wie ich den Baum umarme. Ob ich Hilfe bräuchte. Jetzt nur keine falsche Eitelkeit … zuerst die Füße, dann die Hände. Danke, geht wieder.

Beim Adventsklettern werde ich ausreichend Glühwein konsumieren und über den Parcours schweben. Die Mutigen mögen sich ins Nachtklettern stürzen (letzte Gelegenheit diesen Samstag), müssen aber auf den Glühwein verzichten.