Factory Girl!

Hätte nicht die mit Häkeldecken und Kissen verzierte Holzbank nebst Tischchen vorm Eingang gestanden, wäre ich an diesem schnuckeligen Kleinod vorbeigerannt. Stattdessen versank ich nun mit meinen beiden besten Studienfreunden weintrinkend und über Facebook diskutierend in betagten Schalensesseln. (Früher, als mein Busefreund dem überflüssigen Gesülze anderer Leute nichts abgewinnen konnte und auch selbst selten das Bedürfnis hatte, nebulöse Bemerkungen im Netz zu streuen, hätte es da nichts Streitbares gegeben. Doch nun ist er „altersmilde“ geworden, wie er sagt.)

Unser Kellner (welch zuweilen schnödes Wort) umsorgte uns wie alte Freunde, er servierte bis weit nach Mitternacht Wein und Magnolia – die Spezialität des Hauses, eine Art Pudding aus gekochter Eiermilch, Frischkäse und selbstgemachten Keksen – und erzählte, wie die Fellows des Factory Girl! vor Eröffnung den Putz von den Wänden geschlagen hatten, um die Ziegelmauer darunter freizulegen, die jetzt einen großen Teil der Gemütlichkeit des kleinen Ladens ausmacht. Den Rest erledigt das Flohmarktmobiliar und die kaum übersehbare Leidenschaft der in New York geborenen Inhaberin, Didem Sözen, für Andy Warhol.

Vom FlohmarktDer Salat!
Keep Out!It's nice around here
AufgegessenDie Inhaberin

Drei Monate später kam ich zurück, um das Frühstück zu probieren, das hier den ganzen Tag serviert wird: von morgens um zehn bis abends um acht. Tags darauf testete ich das Frühstück nochmal, gestern schon wieder. Mozzarella mit getrockneten Tomaten auf Rucola, Camembert mit Feigensenf, Rockford, Gouda, Schafskäse, hausgemachte Rosen- und Himbeermarmelade, Nutella und Honig, Schinken und Sucuk für die Fleischfresser. Dazu verschiedene Sorten Brot, sogar die mitgebrachten glutenfreien Brötchen wurden, in Alufolie gewickelt, aufgewärmt. Sofias Salat ist eine göttliche Mischung aus Eisberg- und Rucolasalat, getrockneten und Cherrytomaten, Schafskäse, Bohnen, Kichererbsen, Feigen, Walnüssen und zig anderen Dingen, die ich zuvor noch nie in einem Atemzug genannt hatte.

Vom glutenhaltigen Magnolia habe ich mich ferngehalten, der verzückte Blick der anderen Esser sprach allerdings Bände. Den Babberschmatz gibt es inzwischen auch vegan, Zöliakisten wird ersatzweise eine Creme mit Früchten gereicht. Verkostung folgt.