Vegane Ausflüge

Die gemüseselige Minderheit hat einen neuen Stützpunkt aufgeschlagen, natürlich mitten in Prenzlberg. Dem Ansturm der Eröffnungswoche gehe ich aus dem Weg, dann hält mich nichts mehr: Veganz. Der Name ist nicht nur furchtbar sondern auch Programm, hier gibt es nichts Nicht-Veganes.

Ich starte vorsichtig und drücke mich beim Gemüseregal herum, da kann man nicht allzu viel falsch machen. Ein paar Süßkartoffeln, ein kleiner Hokkaidokürbis und das abendliche Mahl ist fertig, zumindest im Kopf. Aber was kommt statt Sahne in und statt Käse auf den Auflauf? Ich lasse mir von einer engagiert wirkenden jungen Verkäuferin die Grundzüge des Veganismus erklären: Soja Cuisine nehme ich mit, der Gedanke an einen Guss aus Würzhefe als Reibekäseersatz lässt mich schaudern. Überhaupt finden sich hier viele Ersatzstoffe für Beliebtes aus dem Allesfresserleben: Hacksteaks und Hamburger aus Seitan, Würstchen und Garnelen aus Soja, Pülverchen anstelle von Eiern, Reismilch. Psychologie für ehemalige Konsumenten tierischer Erzeugnisse. Ich selbst bin ein großer Fan von Sojahack (getrocknet im Beutelchen): Bläht im Wasser, lässt sich wie Hackfleisch verarbeiten, ist vielseitig und schmeckt ungewürzt wie Sägespäne.

Vegane Einkäufe

Neben diesen von der Allgemeinheit verlachten Produkten, stapeln sich seltene glutenfreie Schätze wie Buchweizennudeln, Mais-Couscous und Quinoa aus Ecuador. Nicht zu vergessen das glutenfreie Weißbrot, das frisch gebacken offensichtlich ohne Vorbestellung (!!) im hauseigenen Backshop verfügbar ist. Achja, vegetarische Brotaufstriche, Schokoladen, Nüsse, Eis, exotisch anmutende Getränke – die Liste der Optionen ist lang. Am Ausgang ein Werbeplakat für ein Vegan Vegetarisches Sommerfest auf dem Alex.

Ui, die Veranstaltung entlockt meiner Phantasie Assoziationen zur Umweltbewegung vor über 20 Jahren: Bretterbuden mit selbstgeschriebenen Plakaten, grausiges Infomaterial, von der Sache überzeugte Aktivisten, deren Parolen beim Ottonormalverbraucher vermutlich wenig mehr als ein Stirnrunzeln auslösen. Es regnet in Strömen, auf der Bühne prangert ein trauriger Sänger Tiertransporte an. Am Ende des Tages scheinen viele etwas knülle und maulfaul. Ich sacke einige Broschüren ein, amüsiere mich über das lächelnde pinkfarbene Aufblasschwein im Zentrum des Platzes und bleibe an einem Klamottenstand hängen, dessen T-Shirts den richtigen Ton treffen. Die Menschheit will behutsam überzeugt werden.

Gemüse an die Macht!

P.S.: Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte: Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt hat ein Video gedreht. Super-8-Optik, tolle Musik und deutlich optimistischer als mein später Eindruck.