Ostalgie mit Paule

Der Plan sah vor, den DDR-Spielfilmhit Die Legende von Paul und Paula im schönen Freiluftkino Friedrichshain zu gucken. Konnte ja keiner ahnen, dass dieser Sommer derart hartnäckig versuchen würde, Herbst zu sein. Es stürmte, wir blieben zu Hause.

Dann eben vor der heimischen Glotze. Stilecht mit Glatzeders Knoblauch-Kräuter-Walnuss-Schafskäse-Brot. (Mein liebstes Mütterlein hatte zu diesem Zweck bereits ein glutenfreies Weißbrot gefertigt. Frisch, nicht vom Vortag.) Und Ossi-Sekt: Rotkäppchen Rosé trocken.

Glatzeders Autobiographie Glatzeders Rezept
Knoblauchbutter mit Kräutern, Walnüssen und SchafskäseGlatzeders Knoblauchbrot

Dazu mediterranes Backofengemüse, das Rezept eines befreundeten Kochs:

1 rote Paprika in schmale Streifen,
1 Zucchini in dünne Scheiben und
250 g Champignons in Viertel schneiden.

1 kleines Glas Tomaten in Öl

abgießen, das Öl auffangen. Ein Backblech mit Backpapier auskleiden (am besten doppelt) und das Gemüse darauf verteilen. Mit dem Tomaten-Öl bestreichen, etwas pfeffern und salzen. Bei 180 °C Ober- und Unterhitze im Ofen brutzeln lassen bis es verschrumpelt (keine Ahnung wie lange, eine halbe Stunde war’s mindestens).

Mediterranes Backofengemüse

Futter fertig, ready for Liebesgeschichte. (Vorsicht, Spoiler!) Paul lernt die Tochter eines Schießbudenbesitzers kennen, sie heiraten. (Ganz furchtbares erstes Date: Paul zitiert Goethe, sie interessiert sich für sein Bankkonto.) Unterdessen trifft Paula den klassischen Schürzenjäger mit verfilzten Haaren, er zieht bei ihr ein und wird der Vater ihres jüngsten Kindes. Paul wird betrogen, Paula wird betrogen, beide sind vom Leben enttäuscht. In einer Nachtbar beginnt ihre Affäre. Während sich Paula kopfüber in die Vorstellung eines Lebens mit Paul stürzt, ist er vornehmlich damit beschäftigt, den ehelichen Schein zu wahren, um seine Karriere zu schützen. Erst der tödliche Unfall ihres Sohnes wendet die Situation, Paul kämpft um die trauernde Paula. (Auf sehr skurrile Weise.) Die beiden werden ein Paar bis sie bei der Geburt ihres gemeinsamen Kindes stirbt.

Der Film rennt, surreale Szenen wechseln sich ab mit der Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus: Kaufhallen mit langen Schlangen, Altbauten neben den heiß begehrten Plattenbauten, unerfreulicher Arbeitsalltag, Kohlenlieferung in den Keller schleppen. Immer wieder wird man ins Leben von Paul und Paula geworfen und durchlebt ausschnittsweise alle Emotionen der Charaktere: Wut, Verzweiflung, Resignation, Leidenschaft, Glück, Liebe, Trauer. Ein halbes Leben im Schnelldurchlauf, ohne Happy End. Zu DDR-Zeiten provozierte der Film einen Skandal, schließlich wirft Genosse Paul sein angepasstes Leben fürs persönliche Glück über den Haufen. Kein Dienst am Staat, sondern Individualismus. Ein wunderbarer Film, unkonventionell, brilliant gespielt und an Tempo kaum zu überbieten.