Die schlauste Nacht des Jahres

Das Leben ist voller Zufälle: Am Vorabend erzählte mir eine Partybekanntschaft voller Begeisterung von einer Führung durchs Staatsratsgebäude, tags darauf laufe ich zur Langen Nacht der Wissenschaften selbst durch das historische Gemäuer.

Im Foyer werden wir von einer freundlichen jungen Dame abgeholt, die uns erklärt, dass das gesamte Gebäude vorm Einzug der „European School of Management and Technology“ denkmalgerecht saniert und für Hochschulzwecke umgebaut wurde. So leuchten in Honeckers ehemaligem Büro die gleichen restaurierten Originale, die ich aus Erichs Lampenladen kenne. Angrenzend ein Durchgangszimmer ohne Fenster, das abhörsicher sein soll und mit einer Wandverkleidung aus Ziegenleder und Friedenstaubenapplikationen aus Blattgold protzt. Ein Geschenk der Mongolei an die DDR. Der Diplomatensaal nebenan dient heute als Bibliothek, im ehemaligen Kartenraum hat die Schrödersche Regierung den runden Diskussionstisch vergessen.

Ehemaliges Büro des StaatsratsvorsitzendenRaum ohne Fenster mit Ziegenlederfliesen
Blick aus dem BankettsaalKarl-Liebknecht-Portal

Nächster Halt ist der riesige Bankettsaal: adretter Parkettfußboden, die Holzvertäfelung an den Wänden wird von bemalten Porzellanfliesen ergänzt, die das Leben in der DDR illustrieren, monströse Fensterfronten und bombastischer Ausblick auf den Fernsehturm. Weiter ins Treppenhaus. Wir bleiben an einem schnöden Schacht mit Fenster stehen. Was das wohl wäre, fragt unsere Erklärdame. Pff. Ein Schacht mit Fenster? Natürlich nicht. Es ist der Fahnentrocknungsraum. Durch das Fenster waren die Fahnen sogar beim Trocknen von außen sichtbar. Da hat mal einer mitgedacht. Über einen langen Gang mit Vorlesungssälen gelangen wir zum „Karl-Liebknecht-Portal“ (das Ding, auf dem er die „Freie Sozialistische Republik“ ausrief, damals hing es allerdings noch am Stadtschloss), dessen Brüstungshöhe als Multiplikator für andere Bauelemente des Gebäudes diente.

Noch ein Blick auf das 180 m² große Buntglasmosaik: Kantige Formen und knallige Farben, das Ganze erinnert mich sehr an meine Kindheit. Ich mags. (Die Wikipedia sagt zum Motiv: „Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland aus Sicht der SED“.)

Fenstermosaik

Wer sich von DDR-Dekadenz und dem elitären Flair einer Managementhochschule selbst beeindrucken lassen möchte, kann sich zu einer Führung durch den ehemaligen Regierungssitz anmelden oder aber die Räumlichkeiten mieten.

Die restliche „Lange Nacht“ verbringen wir eher unspektakulär an der Technischen Universität. Die Teilnahme an einem Geodätenexperiment führt uns aufs Dach des Hauses: unlogische Datenerhebung, aber hübsche Aussicht. Wir verfolgen Vorträge über Co-Design und die Kommunikation in humanen Geweben (Haare wachsen lassen, keine Glatzen mehr und so) und verlassen zum Abschluss des Abends während eines „Mars-Earth Planetary Flybys“ mal kurz den Planeten. Schönes Ding, dieses Filmchen: Den live gerenderten 3D-Rundflug haben Mathematiker aus Satellitenbildern zusammengesetzt.