Ostdeutsches Kulturgut

Das erste Jahrzehnt meines Lebens verbrachte ich in der „Zone“. Neben schwabbeligen Milchtüten aus transparentem Plastik, Broiler vom Grill und Traubenzuckerbonbons in drei Geschmacksrichtungen bin ich mit dem Traumzauberbaum und Pittiplatsch auf Langspielplatte aufgewachsen. Heile Welt. Bis auf die Milchtüten. Diese pflegten ihren Inhalt durchs löchrige Dederon-Netz hindurch auf meinen roten Wollstrumpfhosen zu verteilen während ich zielstrebig vom Konsum nach Hause galoppierte. Nicht, dass es mir um die Strumpfhosen leid getan hätte, die trug ich schon damals nicht gern. Mich ärgerte vielmehr der erneute Weg in den Milchladen; wertvolle Zeit verschwendet, die ich auf dem Spielplatz oder irgendwelchen Bäumen viel sinnvoller verbracht hätte.

Dederon-Netz

Oder in der Wohnküche meiner Großeltern. Omi wuselte zumeist in der kleinen Kochnische, wenn aus den Lautsprechern in der polierten Kirschbaumschrankwand Sätze drangen wie: „He, Moosmutzel, würdest du bitte deinen Zeh aus meiner Nase nehmen?!“ Ich saß am (War der damals schon rund?) Esstisch, malte monatelang Pumuckl mittels einer von der Westverwandtschaft gespendeten Schablone und aß Omis legendäre Buttermilchplinsen oder Bratäpfel im Winter. Zu letzteren gehörte unabdingbar das kleine, mit künstlichem „Schnee“ bedeckte Räucherhäuschen, aber das ist eine andere Geschichte.

Als wir kurz vor der Wende nach (Ost-)Berlin zogen, blieben meine Großeltern und der „Traumzauberbaum“ in der alten Heimat. Omi überspielte meine Lieblingsplatte bald auf Kassette. Zwar fehlte das farbenfrohe Cover mit dem riesigen Baum, den schwebenden Traumblättern und den beiden frechen Waldgeistern Moosmutzel und Waldwuffel, aber gegen die vielen blöden Anfälle von Heimweh half die Aufnahme doch. Manchmal höre ich die Geschichtenlieder noch heute, allerdings nicht mehr von der mit Omis eckigen Druckbuchstaben beschrifteten Kassette. Die liegt im Schrank. Und vorm „Gespensterduett“ habe ich auch keine Angst mehr.