Kriminaltheater: Zehn kleine Negerlein

Alte Krimis sind etwas Wunderbares: Sie gebrauchen explizite Darstellungen jedweder Art weitaus seltener als moderne Kriminal- und Horrorinszenierungen und sind somit auch für empfindliche Zeitgenossen wie mich genießbar. Das Berliner Kriminal Theater widmet sich fast ausschließlich derlei Klassikern. Nach einem amüsanten „Der Hund von Baskerville“ und dem etwas trägeren „Mord im Pfarrhaus“ besuchte ich kürzlich das zweite Agatha-Christie-Stück.

„Zehn kleine Negerlein“ sorgte bereits vor der ersten Aufführung anlässlich des zehnjährigen Theaterjubiläums für Diskussion und Kritik in der Presse, man hielt den Titel des Stücks für rassistisch. Über das tatsächliche Ausmaß politischer Inkorrektheit möge jeder selbst urteilen, de facto dient der namensgebende Zählreim als Schema für die Morde des Krimis. Zehn Personen werden von einem anonymen Gastgeber auf eine abgeschiedene Insel geladen und dort mit vergangenen Untaten konfrontiert, welche der abwesende Hausherr durch das forcierte Ableben seiner Gäste zu rächen sucht.

Das penetrante Rumgekicher einiger Akteure innerhalb der ersten, langen Minuten sollte vermutlich die Verlegenheit der einander unbekannten Gäste veranschaulichen, mich erinnerte die überzogene Darstellung lediglich daran, warum ich früher eher ungern ins Theater ging. Glücklicherweise gab das erste Opfer bald den Löffel ab, fortan war Schluss mit lustig. Allerdings muss ich zugeben, dass mich bereits das Auftreten des alten Haudegens General Mackenzie und des wortgewaltigen Sir Lawrence Wargrave, authentisch verkörpert von Peter Groeger und Kaspar Eichel, mit dem Schauspiel versöhnt hatte. Schnell versanken die Charaktere in wüsten Spekulationen und gegenseitigem Misstrauen. Während sich ihre Zahl durch weitere Morde stetig reduzierte, konnte mich keine wilde Theorie hinsichtlich der Identität des Mörders überzeugen. Ich glaube, das war Absicht. Am Ende waren eh alle tot.

Ein wenig mehr Tempo hätte dem Stück sicher nicht geschadet, weniger auf der Bühne gerauchte Zigaretten auch nicht. Außerdem sollten sich Menschen, die auf funktionierende Ohren angewiesen sind, nicht nur psychisch auf zuweilen fallende Schüsse einrichten. Unterhaltsam war’s, ich geh wieder hin.