Ruhiger Abend mit Wasserlilien

Ich wusste es! Seit drei Wochen versuche ich, den Artikel über unseren Leipzig-Ausflug aufs virtuelle Papier zu bringen, aber jeder ernsthafte Versuch wird bereits im Keim erstickt. Mein ursprünglicher Plan für den heutigen Abend sah … nichts vor: auf der Couch lümmeln, einen Film gucken, Tee trinken und allerhöchstens ein M$ TechNet-Abo bestellen (das wollte ich auch schon vor 6 Wochen erledigt haben). Und natürlich den erwähnten Artikel beenden und veröffentlichen. Leider hatte ich zwei wesentliche Aspekte nicht berücksichtigt: den Metalhead und das vietnamesische Restaurant in der Nachbarschaft, das ausgerechnet heute eröffnete.

An der gleichen Stelle gab es zuvor einen Inder, dann einen anderen Inder und noch einen Inder. Alle krankten an der unterkühlten Atmosphäre des Gastraums und chronischem Besuchermangel. Ist eben keine Gegend mit Laufkundschaft. Kurz nachdem auch ein Sushi-Restaurant bereits wenige Wochen nach der Eröffnung das Handtuch geworfen hatte, waren die Fenster des Ladens verklebt: Es wurde gewerkelt, gesägt, geschraubt, gemalert und gebastelt. Vom Ergebnis der Renovierung durfte ich mich sodann an meinem ruhigen Abend beeindrucken lassen. Angenehme Farben, warmes Licht aus hübschen Lampen und handgemalte Wasserlilien an einer Wand, begleitet vom passenden Namen: Waterlily.

Waterlily

Hm, Familienbetrieb? Die Mutter hinterm Tresen, der Vater am Herd und der etwa 16-jährige Sohn im Service. Keine allzu glückliche Kombination. Bis zur Aufgabe unserer (halben) Bestellung dauerte es fünfzehn Minuten, auf die Getränkelieferung warteten wir ebenso lange. Das Mango-Lassi mundete indes köstlich und war erfreulicherweise nicht übermäßig gesüßt. An den Tischen neben uns totales Kuddelmuddel, völlige Überforderung beim jungen Kellner. Die Erwähnung meiner Nahrungsmittelallergie brachte ihn vollends aus dem Tritt und mich zu schuldbewusstem Bedauern. Die Zutaten der Vorsuppen konnte er nach Erkundigung bei der Elternschaft ganz knapp herbeten, das Hauptgericht bestellte ich mehr oder weniger auf gut Glück anhand der auf der Karte erwähnten Zusammensetzung. Bauchschmerzen gab es keine, dafür ein frisches, pikant gewürztes und sehr schmackhaftes Mahl abseits vom üblichen Asiaten-Einerlei.

Abgesehen von der äußerst effektiven Verkleidung der Heizkörper, welche nach einigen fröstelnden Blicken der Gäste vom herbeigerufenen Familien-Handwerker teilweise demontiert wurde, war uns das Chaos ziemlich egal. Erstaunlich viele Nachbarn, darunter Fräulein Becker aus ihrer Lieblingsapotheke, wohnten dem Eröffnungsabend bei. Es dauerte nicht lange bis die ersten Gesprächsfetzen über die Tische hinweg durch den Raum flogen: wie schön der Laden doch geworden sei, wie froh man wäre, nicht kochen zu müssen und ach, das spielt sich schon alles ein, in einem Monat würden die freundlichen Betreiber über die derzeitigen Anfangsschwierigkeiten lachen. Unsere Apothekerin besitzt offenbar einen gewissen Star-Status, beinahe jeder Gast versuchte sie in ein Gespräch zu verwickeln. Wenig erfolgreich, aber schwer faszinierend. Berlin ist auch nur ein Dorf.