Ein Jahr als Zöliakiste

Vor wenig mehr als einem Jahr erwachte ich halb beduselt in meinem Krankenhausbett; die Magenspiegelung lag gerade hinter mir, die Mappe mit den Untersuchungsergebnissen hatte irgendwer auf mir abgelegt. Nach vier Jahren Bauschmerzen, Durchfall und Blähwampe hätte ich fast jeden Befund außer dem bereits häufig als Verlegenheitsdiagnose missbrauchten „Reizdarm“ als Erleichterung empfunden. Ich schnappte mir die Ergebnisse und las gleich auf der ersten Seite das Wort, das ich mir zu lesen gewünscht hatte: Zöliakie. JA! Damit könnte ich leben.

Als mir meine Mum die ersten glutenfreien Brötchen von Schär mitbrachte, war ich dessen nicht mehr ganz so sicher. Bröselig, trocken, beim Kauen eine pampige Masse, die auf der Zunge brizzelte. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass abgepacktes Brot selten gustatorische Höhenflüge auslöste, ob mit Gluten oder ohne.

Der Rest des Krankenhausaufenthaltes bestand aus Online-Recherchen zum glutenfreien Kochen und Backen, der Zöliakie-Treff wurde mein virtuelles zweites Zuhause. Leider stellte die vom Krankenhaus herangezogene Ernährungsberaterin hernach keine Bereicherung mehr dar. Kaum wieder zu Haus verbannte ich frenetisch sämtliches Gift aus den Küchenschränken. Und dann ging’s los. Fast zwei Monate lang kreisten meine Gedanken beinahe ausschließlich um Nahrung. Die ersten Einkäufe dauerten durchschnittlich drei Stunden, was sich glücklicherweise legte als ich die Inhaltsstoffe der in meinem Haushalt einschlägigen Produkte auswendig kannte. Nur die Spezifikation von „einschlägig“ hatte sich grundlegend geändert.

Nachdem sich mein Körper die verlorenen acht Kilo zurückgeholt und noch sieben draufgepackt hatte, fand mein Hirn allmählich Frieden und zwang mich nicht mehr permanent zum Kochen und Essen. Heute erinnere ich mich kaum noch daran, wie sich mein desolater Gesundheitszustand vor der Befreiungsdiagnose anfühlte. Gut so.